Parallel, together and apart

20. Juli 2010 · 20:46
von OJ

Als ich neulich zwecks Verlinkung nochmal einen uralten Eintrag suchte, fiel mir die von mir geäußerte Hoffnung ins Auge, dass wir hoffentlich „für die verbleibenden 20 Gastsprecher nicht 20 Aufnahmesitzungen durchführen müssen“. Da ja eine gewisse Chance besteht, dass dieses Blog Leser findet, die selbst ein Hörspiel aufnehmen wollen, wollte ich mal meine Erfahrungen zum Thema „Gemeinsam oder getrennt aufnehmen?“ mitteilen.

Ich dachte immer, dass das Aufnehmen von Gesprächen mit allen Teilnehmern gleichzeitig zum einen die Natürlichkeit fördert und zum anderen immens am Schnitt-Aufwand spart. Letzteres ist auf jeden Fall Quatsch; die Zeit, die ich inzwischen mit dem Durchsuchen anderer Takes nach besseren Versionen desselben Satzes (ohne Versprecher, mit natürlicherer Betonung o. ä.) und dem darauf folgendenden nahtlosen „Ranschneiden“ an die umliegenden Sätze verbracht habe, liegt enorm über der Zeit, die es gedauert hätte, die Szenen gleich aus getrennten Aufnahmen zusammenzusetzen.

Was die Natürlichkeit angeht: Die Pausen zwischen dem Sprechen der Gesprächspartner sind weitaus flexibler zu handhaben, als ich dachte. Hier kann problemlos z. B. durch eine halbe Sekunde Stille ein Zögern erzeugt werden, das in der Performance eigentlich gar nicht vorhanden war. Andererseits erfordert es durchaus etwas Aufmerksamkeit, gerade bei unerfahrenen Sprechern, die Sätze jeweils nach „anfangen zu sprechen“ oder „weitersprechen“ klingen zu lassen. Bei uns gab es manchmal an den Nahtstellen zwischen den Einzelteilen sehr langer Szenen* das Problem, dass Sprecher am Anfang eines solchen Szenenteils viel lauter ansetzten als sie den letzten Teil beendet hatten; dem würde beim Aufnehmen einzelner Sätze vermutlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden müssen.

Von der Idee, zusätzlich zu den ohnehin anwesenden Haupt-Sprechern mehrere Gastsprecher aus verschiedenen Szenen auf einmal einzuladen, haben wir uns sehr schnell verabschiedet: Zum einen verkompliziert jede dazukommende Person die Terminplanung enorm, gerade bei Leuten, die sich das nicht wie unser „Kernteam“ zur temporären Lebensaufgabe gemacht haben (und die wir, wenn ich das mal so pauschal sagen darf, ohnehin alle nicht zur Ein-privater-Termin-jagt-den-nächsten-Fraktion gehören). Dazu kommt dann noch, dass die Gastspecher, die gerade nicht in der Szene waren, ewig rumsitzen und — weil alle Zimmer der Wohnung mit Mikros ausgestattet und zum Aufnehmen benutzt wurden — ganz, ganz leise sein mussten. Es hat sich zwar keiner beschwert, aber mein schlechtes Gewissen gegenüber den Wartenden war der Qualitätskontrolle bei überraschend ausufernden Szenen sicher nicht zuträglich. Wenn andererseits Gastsprecher später dazustoßen wollten, musste man ab einem bestimmten Zeitpunkt immer Angst davor haben, dass gleich die Türklingel den besten Take ruiniert.**

Das Hauptproblem aber ist, dass es offenbar nicht einmal mit zwei Kontrollhörern (Jan an der Technik, ich „am Drehbuch“) möglich ist, wirklich jede „komische Betonung“ und jeden Haspler zu merken, und mit der Anzahl der Sprecher in einer Szene steigt die Wahrscheinlichkeit für einen Fehler schon rein statistisch enorm. Dazu kommt dann noch, dass einige Sprecher gleich in den ersten Takes toll sind, aber bis Take 15 etwas ermüdet sind, während andere erst einmal reinkommen müssen (was dann der Grund ist, dass es überhaupt zu Take 15 kommt). Deshalb war das oben erwähnte nochmalige Durchhören aller Takes überhaupt nötig, aber eben auch im Endeffekt sehr fruchtbar.

Kurz gefasst heißt das, dass zumindest in unserem Fall die Natürlichkeit, die das Zusammen-Aufnehmen erzeugt, durch die größere Fehlerhäufigkeit wieder vollkommen zunichte gemacht wird.

Nachdem praktisch alle Aufnahmen mit mehreren Sprechern durch waren, habe ich in den (Blu-Ray-exklusiven) Special Features des Animationsfilms „Coraline“ gesehen, wie dort die Sprachaufnahmen gemacht worden waren: Ein Sprecher zur Zeit, Satz für Satz, mit diversen Versionen, bis Regisseur und Sprecher glücklich waren. „Vielleicht hätten wir doch erst mal gucken sollen, wie die Profis das machen“, war mein erster Gedanke.

Was darunter natürlich gelitten hätte, wäre der Spaß an der Gruppenarbeit. Und einschränkend sollte ich vielleicht noch sagen, dass das Ganze hier vielleicht nur für Hörspiele mit einer so langen Besetzungsliste (über 50 Rollen, über 30 Sprecher) wie unserem gilt. Würde es sich um ein Zwei-Personen-Stück handeln, hätte ich mit den — überdurchschnittlich talentierten, aber auch durch langes Aufnehmen im kleinen Kreis ungleich geübteren — Haupt-Sprechern die meisten der oben beschriebenen Probleme gar nicht erst gehabt.

  1. * Es war uns nicht möglich, während der Aufnahmen unhörbar Seiten umzublättern, so dass lange Szenen in Teile von maximal drei Drehbuchseiten — das Maximum, das nebeneinander auf die Pulte passte — aufgeteilt wurden.
  2. ** Die Klingel auszustellen und um ein Durchklingeln aufs (stummgeschaltete) Handy beim Ankommen zu bitten, war bei Aufnahmen im Januar und Februar auch keine besonders begeisternde Idee.

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