Was genau passiert eigentlich, wenn ein Haufen Laien ein Hörspiel in sechs Teilen produziert? – Sechster Teil

23. Oktober 2013 · 19:00
von Jan

Witzigerweise war die Musik zum Hörspiel das erste, worüber ich mir Gedanken gemacht hatte. Das war noch, bevor Oj mit dem eigentlichen Schreiben des Drehbuchs begonnen hatte – irgendwann 2005. Zu dem Zeitpunkt gab es nur den Handlungsrahmen. Ich hatte mich damals mit klassischer Musik, besonders Soundtracks beschäftigt und mir gerade eine Orchester-Sample-Library zugelegt. Also war ich komplett unerfahren.

Das erste Stück, das ich damals „schrieb“, hat es nicht ins Hörspiel geschafft, auch weil die damals Beteiligten sich ziemlich negativ über „künstliche“ Streichinstrumente geäußert hatten. Aber das verwendete Thema wird uns in Folge 6 noch über den Weg laufen. Erst fünf Jahre später hatte ich dann die Erfordernis, ernsthaft über Musik zum Hörspiel und verwendbare Themen nachzudenken, denn:

Eigentlich war der Plan, nach der Fertigstellung des Skripts, die verschiedenen Aufgaben auf verschiedene Personen zu verteilen, so auch die Musik. Das fand ich eher enttäuschend, da ich mich am liebsten mit der Musik allein beschäftigt hätte. Aber dann hätten wir jemanden für die Audiobearbeitung gebraucht. Oj hatte also jemanden gefunden, der sich um die Musik kümmern wollte, aber leider kamen wir in der Konstellation nicht mal bis zum Folgenintro, weil „unser“ Musiker seinen Wohnort wechseln mußte und keine Zeit mehr für uns erübrigen konnte. Oj hatte die musikalische Tätigkeit dann als vakant ausgeschrieben, und ich hatte mich beworben. Viel Auswahl bei den Aspiranten gab es ohnehin nicht, weil unser Projekt ja wirklich unbekannt ist.

Im Mai 2010, glaube ich, setzte ich mich dann mal ans Klavier, um einige Ideen zu sammeln. Das war dann eher so eine Stunde Improvisation um die Ideen herum, die ich bis dahin so in meinem Kopf herumgetragen hatte. Für mich interessante Elemente bekamen dann Don und Oj zu hören. Die wenigsten Ideen habe ich weiterverarbeitet, aber die halfen mir, mich zu orientieren.

Im Grunde habe ich danach komplett neu begonnen und das Prinzip der Herangehensweise dabei geändert: dedizierte Arbeit für bestimmte Szenen und keine nachträgliche Auswahl bzw. Zuordnung, weil ich sonst zuviel Überschuß produziert hätte. Der Ansatz, generische musikalische Elemente zu erschaffen, die dann je nach emotionaler Bewertungsstufe eingesetzt werden sollten, gelang mir nicht, daher ist die verwendete Musik, zumindest für mein persönliches Gefühl, nicht mehr beliebig tauschbar.

Mit Oj hatte ich in der Vergangenheit mal über die einzusetzende Musik gesprochen. Er wollte gern die Motive über die Folgen verteilen, die sich zum Schluß im Endtrack vereinen sollten. Tatsächlich habe ich daraufhin einen großen Teil der Schlußmusik für Folge 6 geschrieben und die dort verwendeten Motive auf die einzelnen Musikstücke der Folgen verteilt. Bei Motiven handelt es sich hier um wiedererkennbare Tonfolgen, die aber vollkommen unterschiedlich instrumentiert sein können. In Folge 3 habe ich dann noch neue Motive hinzugenommen, weil ich das Gefühl hatte, die bisherigen schon zu oft verwendet zu haben. Vielleicht nehme ich die dann noch ins Ende auf.

Der Entstehungsprozeß eines musikalischen Elements, oder Stimmungsmusik, hat, bei meiner Arbeit, aus meiner Sicht nicht so viel mit Komposition zu tun, weil ich oft die Melodie dem Klang unterstelle. Die verwendete Melodie ist dadurch zwar nicht beliebig, aber es kommt vor, daß ein Element gar keine Melodie sondern nur Akkorde besitzt, und die sind dann auch noch improvisiert bzw. spontan gewählt. Wenn ich komponiere, plane ich das Musikstück mehr durch, das ist dann ein anderer Entstehungsprozeß. Außerdem ist der Schwerpunkt tatsächlich mehr auf den Melodien. Aber die Begrifflichkeiten sind sicherlich Auslegungssache.

Jede Folge hat bisher einen eigenen musikalischen Ansatz erhalten, wobei eine gewisse Kontinuität erkennbar sein sollte, die mit der Handlung konform geht – das war aber im Vorwege auch so besprochen. Musik ist auf jeden Fall immer Geschmackssache, und daher ist mir nicht bewußt, ob die bisherigen drei Folgen dieser Maßgabe genügen. Ich versuche aber zumindest, jeder Folge musikalisch einen eigenen Charakter zu geben, so daß wenigstens auf dieser Ebene ein Zusammenhang zur Handlung besteht – hoffe ich.

Sämtliche verwendete Musik in diesem Hörspiel ist meine eigene, obwohl teilweise nur von mir gespielt, wie im Falle der Hintergrund-Lieder in Folge 2 (die stammen aus meinem eigenen Aufnahmearchiv). Für die Musik benutze ich sämtliche mir zur Verfügung stehenden Hilfsmittel: z.B. Synthesizer (als Besonderheit: Sample-Libraries), Gitarre, Klavier oder Gesang (den vermeide ich aber aufgrund von Alterserscheinungen). Generell erzeuge ich pro Folge einen bestimmten Grundklang, der dann in der einen oder anderen Variante von den verschiedenen musikalischen Elementen genutzt wird. Dadurch geht die Musikentwicklung insgesamt dann schneller, und die Teile passen besser zusammen.

Wie man in den Folgen hören wird, ist die Musik fast immer zwischen den Szenen eingesetzt. Das liegt daran, daß das so vorgesehen war, weil die Gefahr bestand, daß die Musik die übrigen Geräusche zu sehr überdeckte. Inzwischen würde ich zwar anders darüber denken, aber man kann eine solche Entscheidung auch als Festlegung auf eine bestimmte Stilrichtung betrachten. Ich bin trotzdem noch nicht sicher, ob ich mich bei unserem Hörspiel komplett auf den einen oder anderen Stil festlegen möchte. Auf einen Seite finde ich bei Filmen wie Star Wars anstrengend, daß wirklich unglaublich viel Musik im Hintergrund zu hören ist, auf der anderen Seite gibt es einfach Szenen, in denen Musik während der Handlung zu hören sein muß. Man könnte ja meinen, daß eine gute Handlung keine Musik zur Untermalung benötigt, vielleicht ist das auch wirklich so, aber diese Perfektion gibt es unglaublich selten, und manchmal gibt der Erzählungsstoff einfach nicht mehr her, so daß man auf Effekte, wie Musik, zurückgreifen muß. Außerdem läßt sich Musik natürlich immer gut einsetzen, um dem Zuhörer eine Ruhepause zu verschaffen, in der er das Gehörte erst einmal verarbeiten kann.

Man kann den einzelnen Musikstücken vermutlich anhören, daß ich aufgrund meines Alters am stärksten durch die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts geprägt bin. Manchmal bemühe ich mich, das bewußt zu vermeiden, aber eigentlich falle ich dann in irgendein anderes Cliché. Das passiert aber nicht absichtlich, weil ich mir viel Referenz-Musik anhören würde, sondern es hat wohl mit meinem Erfahrungsschatz zu tun. Letztendlich spielt es auch keine Rolle, aber am liebsten wäre es mir, wenn man mich an meiner Musik nicht sofort erkennen könnte, auch wenn einige Menschen behaupten, daß dem nicht so sei.

Ich glaube, meiner Musik ist immer irgendeine Art Entwicklung anzumerken, weil ich bei jedem neuen Projekt auch etwas Neues ausprobieren möchte. Es kommt also eher nicht vor, daß ich genau das selbe technische Setup für zwei verschiedene Musikstücke verwende. Das war schon damals so, als ich auf 8-Bit-Computern die Musik noch programmiert hatte: in jedes Programm war irgendein neuer Kniff eingebaut. Eine solche Spezialität kann man auch bei der Musik zu Folge 3 hören. Dort verwende ich sehr oft eine auf verschiedene Arten verfremdete Gitarrensaite, und auch die Brandung der Nordsee, von einem Dänemark-Urlaub, wurde dort eingearbeitet. Solche „Features“ einzusetzen, ist einigermaßen populär. Sie bilden meist den Anker, um den der Rest des Stücks aufgebaut ist. Man kann sie auch als Saat bezeichnen, aus der die Musik, wie als logische Konsequenz, erwächst.

Mir ist schon klar, daß meine Musik für das Hörspiel nur eine von vielen möglichen ist, und es gibt sicher auch bessere Lösungen, aber ich habe nicht unendlich Zeit zur Verfügung, um diese zu erforschen, und ich werde auch nicht dafür bezahlt. Zu den jeweiligen Zeitpunkten hielt ich sie zumindest für gefällig genug, um sie einzusetzen, und ich mag sie immer noch hören, weil ihre Erstellung nicht so lang gebraucht hatte wie die der Hörspielszenen, von denen ich inzwischen einige kaum noch hören will.

So, nun habe ich meine geplanten sechs Teile des Rückblick-Blogs zusammen, und es kann wieder mit zeitgemäßeren Themen weitergehen. Wahrscheinlich bin ich aber ohnehin zur Zeit der Einzige, der hier schreibt, weil ich, zumindest für die nächste Zeit, derjenige bin, der noch am meisten Arbeit vor sich hat, um dieses Projekt zu einem Ende zu bringen.

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